
Unspezifische Rückenschmerzen
Die Wahrnehmung von Schmerz regulieren
Wenn Menschen ohne erkennbare Ursache oder bereits auf kleinste Reize mit heftigen Rückenschmerzen reagieren, kann dies u.a. daran liegen, dass die Schmerzwahrnehmung gestört ist. Diese lässt sich mit Medikamenten regulieren.
Wenn Rückenschmerzen zum „Selbstläufer“ werden
Besonders bei Rückenschmerzen besteht häufig ein dramatisches Missverhältnis zwischen den durch ärztliche Untersuchung auffindbaren Schmerzursachen und der vom Patienten subjektiv empfundenen Intensität, der Dauer und Lokalisation des Schmerzes.
Ursache kann eine verminderte „Filterfunktion“ bei der Verschaltung von Nervenzellen im Rückenmark sein. Diese ist das Ergebnis eines komplizierten Wechselspiels zwischen schmerzleitenden, -hemmenden und -verstärkenden Impulsen. Ist diese Balance gestört, können spezielle Nervenzellen (sog. Projektionsneurone), die normalerweise sehr gezielt nur auf Schmerzreize reagieren und diese ins Gehirn weiterleiten, bereits durch minimale Reize aktiviert werden - selbst der „leiseste“ Reiz kann dann starke Schmerzen auslösen. Mediziner sprechen in diesem Falle von einer übermäßigen Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie).
Spinale Schmerzbremse gezielt stärken
Um die körpereigene „Schmerzbremse“ möglichst gezielt nur im Rückenmark wieder zu stärken, bieten sich bestimmte Wirkstoffe wie z.B. Cannabinoide (Dronabinol) oder Methocarbamol an.
Cannabinoide (auch die körpereigenen Endocannabinoide) hemmen über die Bindung an spezifische Cannabinoidrezeptoren auf den Nervenzellen die neuronale Erregbarkeit unter anderem durch eine Verminderung des Calciumeinstroms in die Nervenzellen. Als Ergebnis normalisiert sich das Schmerzempfinden.
Methocarbamol wirkt über die sogenannten Interneurone - das sind spezielle „Schaltnervenzellen“, die jeweils zwei andere Nervenzellen miteinander verschalten - auf die Erregbarkeit von Nervenzellen ein und bewirkt so, dass es zu einem verminderten „Durchgang“ von Schmerzimpulsen kommt. Chronische Rückenschmerzen gehen oftmals auf anhaltende Muskelverspannungen zurück. Auf diese Art und Weise lässt sich Verspannungen in der Skelettmuskulatur sehr gezielt entgegenwirken.
Erhöhte Muskelspannung normalisieren
Es gibt zudem Medikamente, die die körpereigene Schmerzkontrolle auf andere Weise unterstützen: Sogenannte Kaliumkanalöffner wie der Wirkstoff Flupirtin bewirken über die gezielte Öffnung neuronaler Kaliumkanäle, dass eine übermäßig gesteigerte Erregbarkeit schmerzleitender Nervenfasern in Rückenmark und Gehirn vermindert wird. Im Ergebnis wird die Reizweiterleitung gehemmt, der Spannungszustand der Muskulatur kann sich normalisieren und schmerzhafte Verspannungen lösen sich.
Medikamente sind wichtiger Bestandteil der Therapie
Medikamente, die eine gestörte Wahrnehmung von Schmerzen regulieren, sind ein wesentlicher Bestandteil in der multimodalen Schmerztherapie, bei der verschiedene Behandlungsansätze ineinandergreifen. Wie der Referent Dr. Andreas Kopf auf dem Schmerzkongress am 9. Oktober 2009 in Berlin betonte, spielen bei der Chronifizierung von Rückenschmerzen zumeist verschiedene Faktoren eine Rolle - angefangen bei der zunehmenden körperlichen Inaktivität aufgrund der Schmerzen, die ihrerseits die Rückenschmerzen weiter verstärkt, über die gestörte Schmerzwahrnehmung bis hin zu Angst und Depressionen. Eine erfolgreiche Therapie von Rückenschmerzen schließt daher in vielen Fällen Verhaltenstherapie, Physiotherapie sowie Schmerzmedikamente ein.
Glossar
Neurotransmitter sind biochemische Stoffe, welche die Erregung von einer Nervenzelle zur anderen über die Schaltstelle der Nervenzellen, die Synapse, weitergeben.








