Nutzlose Diagnostik und Therapie

Rückenleiden: Es wird zu viel geröntgt und operiert

Ärzte in Deutschland schicken Patienten mit unkomplizierten Rückenschmerzen vorschnell zum Röntgengerät. Die Folge: Fast 50.000 Patienten jährlich werden unnötig geröntgt. Das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse (TK). Durch die unnötigen Untersuchungen steigt auch die Anzahl falscher Behandlungen an, was sich unter anderem in nutzlosen Operationen zeigt.

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Zehntausende werden jährlich unnötig geröntgt und am Rücken operiert.
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Rückenschmerzen sind ein Volksleiden und zeichnen als solches für rund jeden zehnten Fehltag in deutschen Betrieben verantwortlich. 60 Prozent der Frauen leiden dauerhaft oder häufig an Muskelverspannungen oder Rückenschmerzen, von den Männern sind es immerhin noch gut die Hälfte (51 Prozent). Selbst von den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren hat schon fast jeder zweite "Rücken" (47 Prozent). Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage.

Entsprechend gut besucht sind die Praxen deutscher Orthopäden. Wer sich allerdings mit seinen Rückenbeschwerden an einen Arzt wendet, geht ein hohes Risiko für unnötige Untersuchungen und Therapien ein. Das belegen mehrere Untersuchungen der Krankenkasse TK.

Akuter Kreuzschmerz geht oft von allein wieder weg

Von allen Patienten mit akutem Kreuzschmerz, die radiologisch untersucht werden, wird laut TK-Studie jeder dritte innerhalb von sechs Wochen unter den Röntgenapparat gelegt – obwohl Wissenschaftler sich einig sind, dass Patienten mit Rückenschmerzen in diesem Zeitraum nicht geröntgt werden sollten. Denn die Beschwerden bilden sich in der Sechs-Wochen-Frist oft spontan zurück.

"Das frühe Röntgen widerspricht den aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften", sagt Dr. Frank Verheyen, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der TK, das für die Studie ärztliche Abrechnungsdaten aus den Jahren 2010 bis 2012 ausgewertet hat.

Unnötige Strahlenbelastung beim Röntgen

"Mit den Röntgenaufnahmen werden Strahlenbelastungen in Kauf genommen, die bei der spontanen Rückbildung der Rückenbeschwerden in vielen Fällen vermieden werden könnten", kritisiert Verheyen. Auf ein Jahr gerechnet wurden insgesamt etwa 6.000 TK-Versicherte zu früh und damit in der Regel unnötig geröntgt. "Hochgerechnet auf die gesamte gesetzliche Krankenversicherung werden damit knapp 50.000 Versicherte jährlich unnötig Röntgenstrahlen ausgesetzt", so Verheyen. "Und das für eine Diagnostik, die den Betroffenen mehr schadet als nutzt."

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Röntgenaufnahmen geben nicht immer Aufschluss über die Schmerzursache

Denn die betroffenen Patienten riskieren zudem Fehlbehandlungen. Schmerztherapeut Dr. Thomas Nolte von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie: "Rückenschmerzen werden oft durch Probleme in den Muskeln ausgelöst. Das ist aber auf Röntgenbildern überhaupt nicht erkennbar." Stattdessen würden viele Versicherte an den Bandscheiben operiert, wenn die Bilder hier Probleme zeigen. Die Patienten hätten danach aber oft noch dieselben Schmerzen – einfach weil die Bandscheiben gar nicht die eigentliche Schmerzursache waren.

Überwiegende Zahl der Operationen am Rücken ist nutzlos

"85 Prozent der Rücken-Eingriffe haben sich nach einer Zweitmeinung als unnötig herausgestellt", sagt Klaus Rupp, Leiter des TK-Versorgungsmanagements. Das zeige eine aktuelle Auswertung des Modellprojekts 'Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen'. Mehr als 1.700 TK-Versicherte haben sich seit dem Start des Projekts vor fünf Jahren bereits eine Zweitmeinung eingeholt.

Bei gut 1.450 der Patienten haben die Spezialisten den operativen Eingriff als nicht notwendig eingestuft und eine nichtoperative Behandlung empfohlen – zum Beispiel eine Physiotherapie oder eine gezielte, multimodale Schmerzbehandlung. Damit erweisen sich im Schnitt gut vier von fünf Rücken-OPs als nicht notwendig.

Recht auf zweite Meinung vor Rücken-OP soll im Gesetz verankert werden

Zwar hat die Politik darauf mittlerweile reagiert und einen Gesetzentwurf vorgelegt, nach dem jeder Patient, dem eine entsprechende OP bevorsteht, mindestens zehn Tage vor dem Eingriff von seinem Arzt über sein Recht auf eine unabhängige zweite Meinung aufgeklärt werden soll. Allerdings ist diese Zeitspanne gerade im Facharztbereich sehr kurz. "Für den Patienten kann es dadurch zeitlich schwierig werden, sein Recht auf eine Zweitmeinung wahrzunehmen. Es ist zu überlegen, die Frist auf vier Wochen zu verlängern", fordert TK-Experte Klaus Rupp.

Rückenschmerzen mit sanften Therapien lindern

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Letzte Aktualisierung: 08. April 2015
Quellen: Pressematerial der TK

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