Skoliose bis Bandscheibenvorfall

Rückenschmerzen: Trägt die Evolution Schuld?

Fehlstellungen der Wirbelsäule, Plattfüße und sogar die Weisheitszähne: Der aufrechte Gang hat uns nicht nur Gutes beschert. Auf sein Konto gehen außerdem Bandscheiben- und Eingeweidevorfälle. Doch die Evolution kann nichts dafür.

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Mit Rückenschmerzen plagen sich die Menschen seit Jahrmillionen. Schuld ist der aufrechte Gang.
Thinkstock

Danke, Evolution: Seit der Mensch und seine Vorfahren auf zwei Beinen unterwegs sind, leiden sie auch an Rücken- und Fußschmerzen. Das haben amerikanische Anthropologen auf einem Fachkongress in Boston im Februar deutlich gemacht. Einer von ihnen ist Bruce Latimer. Sein Vortrag trug den Titel „Uralter Rückenschmerz: Die Wirbelsäule des Menschen aus einem evolutionären Blickwinkel“ und war Teil der Reihe „Narben der menschlichen Evolution“.

Die Wirbelsäule ist ein evolutionärer Schwachpunkt

„Wenn ein Ingenieur die Aufgabe bekäme, den menschlichen Körper zu designen, würde er es nie im Leben so anstellen wie die Evolution“, sagt Latimer. Die nämlich erschaffe nie etwas Makelloses. Vielmehr experimentiert und bastelt sie mit dem vorhandenen Material herum, wie der Anthropologe mit einem Vergleich deutlich macht: „Du kannst vielleicht Büroklammern und Klebeband benutzen, damit es einigermaßen läuft. Aber du kannst nicht einfach eine neue Wirbelsäule erfinden.“

Schon „Lucy“ hatte es im Kreuz

Aus diesem Kompromiss zwischen Wunsch und Wirklichkeit entstand unsere S-förmig geschwungene Wirbelsäule. Warum aber haben nur Menschen Probleme mit dem Rücken? „Weil wir die einzigen Säuger sind, die auf zwei Füßen laufen“, bringt es Latimer auf den Punkt. So verwundert es auch nicht, dass Rückenschmerzen und Skelettprobleme schon vor Abertausenden von Jahren ihren Anfang nahmen: Selbst „Lucy“, wie Archäologen das berühmte Skelett eines weiblichen Australopithecinen tauften, hatte es zu ihren Lebzeiten vor rund drei Millionen Jahren im Kreuz.

Mindesthaltbarkeit der Wirbelsäule: etwa 30 Jahre

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Einfach wieder auf vier Beinen zu laufen, löse das Problem auch nicht, sagt Latimer: Dazu hätten wir uns schon zu sehr vom Krabbeln weg entwickelt. Erschwerend dazu kommt, dass unsere leicht gebogene Wirbelsäule ursprünglich für eine Lebenszeit von 30 bis höchstens 50 Jahren ausgelegt war – über dieses Alter kamen die wenigsten der frühen Menschen hinaus. „Wenn man auf sie aufpasst, macht die Wirbelsäule vielleicht so lange mit. Danach aber ist man auf sich allein gestellt“, sagt Anthropologe Latimer. Ein Problem, das erst eines wurde, als die Lebenserwartung stieg und stieg – in den Industrienationen bis jetzt auf etwa 80 Jahre.

Einiges aushalten muss die Wirbelsäule selbst dann, wenn ihr Besitzer einfach nur herumgeht: Weil Menschen nur zwei Beine haben, muss für die Fortbewegung immer eines vom Boden gelöst sein. Wirklich gut geht das nur, wenn als Ausgleich der jeweils andere Arm gegenläufig mitschwingt – ansonsten würden wir häufig umfallen. Genau diese Laufweise aber setzt den Bandscheiben zu: „Es entsteht eine Drehbewegung, die mit der Zeit die Zwischenwirbelscheiben verschleißt und kaputt macht“, sagt Latimer. Im Alter werde dieses Problem durch abnehmende Knochendichte (Osteoporose) noch verschärft.

Fußprobleme und Arthritis gehen auf das Konto der Evolution

Auf die suboptimale Fortbewegungsstrategie geht der weit verbreitete Bandscheibenvorfall zurück, aber auch die Schiefzehe Hallux valgus, Eingeweidebrüche sowie ein abgesenkter Beckenboden. Die daraus resultierende S-Form des menschlichen Rückgrats wiederum macht die Wirbelsäule anfällig für Krümmungen wie Skoliose, Lordose und Kyphose.

Selbst mit Arthrose sowie gestauchten und gebrochenen Knöcheln mussten sich unsere Vorfahren schon herumschlagen, wie archäologische Funde belegen. Genau wie die Wirbelsäule scheint nämlich auch das Fußgewölbe geradezu eine Sollbruchstelle des menschlichen Skeletts zu sein. Vermutlich hat es denselben Grund wie unsere „zusammengeschusterte“ Wirbelsäule: Durch den aufrechten Gang musste sich der aus Dutzenden Knochen bestehende Fuß aufwölben, um dem Druck des Körpergewichts Herr zu werden.

Weisheitszähne unter Inuit selten – dank Mutation

Sogar die Anatomie des Schädels veränderte sich durch die neue Art des Laufens. Zu einem breiteren Becken und einem größeren Geburtskanal kam ein vergrößerter Schädel. Letzterer erlaubte auch eine Vergrößerung des Gehirns. Im Kiefer fand dadurch eine dritte Reihe Backenzähne Platz – die Weisheitszähne, die heute ebenfalls vielen Probleme verursachen. Aber nicht allen: Vor Tausenden Jahren sorgte eine Genmutation dafür, dass etwa nur der Hälfte der Inuit (sie stellen den Großteil der indigenen arktischen Volksgruppen in Kanada und Grönland) Weisheitszähne wachsen. Solche nützlichen Mutationen sind übrigens auch die einzige Chance der Menschheit, dass aus dem wunden Punkt Wirbelsäule auf lange Sicht vielleicht doch noch ein tadellos funktionierendes Rückgrat wird.

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